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Corona-Talk

Gefahr für Kinder – Virologin aus Münster warnt bei Markus Lanz vor Lockerungen

Kinder werden in der Corona-Politik vernachlässigt, kritisiert Virologin Jana Schroeder aus Münster bei „Markus Lanz“. Warum sie sich mehr Ehrlichkeit von Politikern wünscht – und Lockerungen für Kinder zur Gefahr werden können.

Von Lea Sarah Wolfram

Seit über einem Jahr sind sie Dauerthema, doch noch immer herrschen unterschiedliche Meinungen darüber, wie der beste Weg für sie in der Coronavirus-Pandemie aussehen sollte: Schulen. Mal waren sie geöffnet, dann wieder geschlossen; erst galten sie – und auch Kinder generell – nicht als „Treiber der Pandemie“, dann wurden Kinder und Jugendliche aber doch in den Distanzunterricht geschickt. Spätestens seit der dritten Welle und der Ausbreitung der Coronavirus-Mutation B.1.1.7 ist jedoch klar: Auch immer mehr Kinder und Jugendliche stecken sich mit der Variante an und die Patienten auf den Intensivstationen sind heute im Schnitt deutlich jünger als noch in der ersten und zweiten Welle.

Letzteres ist zum einen auf den Impf-Fortschritt bei den über 80-Jährigen zurückzuführen – zum anderen darauf, dass Kinder schon immer genauso anfällig für das Virus waren wie Erwachsene, erklärte die Virologin Dr. Jana Schroeder nun bei „Markus Lanz“. In der Polit-Talkshow im ZDF räumte die Wissenschaftlerin, die gebürtig aus Münster stammt, mit allerhand Missverständnissen auf und erklärte eindringlich, warum die hohen Inzidenzen bald besonders für Kinder zur Gefahr werden könnten.

Stadt:Münster
Einwohner:313.000
Bundesland:NRW

Markus Lanz: Virologin aus Münster wirft Politik Versäumnisse bei Schulen und Kindern vor

Zu Gast in der Sendung von Talkshow-Moderator Markus Lanz am Dienstag (27. April) waren neben der Virologin aus Münster auch Peter Tschentscher (SPD), der erste Bürgermeister Hamburgs, Tübingens Bürgermeister Boris Palmer (Die Grünen) und die Journalistin Anja Maier vom Weser-Kurier. Recht schnell ging das Gespräch in der Runde auf die Rolle von Kindern und Schulen in der Pandemie über. Vor allem Dr. Jana Schroeder fand hier deutliche Worte. Denn laut der Virologin sei recht schnell klar gewesen, dass Kinder, ebenso wie Erwachsene, das Virus weitertragen würden. „Ich hab das Gefühl, wir sind hier ganz lange in Bezug auf Kinder immer mit der Problembegutachtung beschäftigt gewesen, ohne zu einer Lösungsfindung zu kommen, weil die Lösung muss ja sein: Wie können wir Schulen sicher gestalten?“

Dr. Jana Schroeder

  • Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie, Infektiologin
  • Chefärztin des Instituts für Krankenhaushygiene und Mikrobiologie der Stiftung Mathias-Spital in Rheine

Die Virologische Gesellschaft habe bereits im August vergangenen Jahres davor gewarnt, die Infektionen bei Kindern nicht zu unterschätzen, erklärt Schröder. Gleichzeitig hätten dann aber die Politiker, laut denen Schulen doch angeblich sicher seien, diese dann aber bekanntermaßen bereits mehrfach dicht gemacht. Stattdessen hätten die Entscheidungsträger auf konsequente Lockdowns in den Ferien setzen können, wenn ihnen die Sicherheit von Kindern tatsächlich, wie immer behauptet, am Herzen gelegen hätte, sagte Schröder.

„Markus Lanz“ (ZDF): Virologin Dr. Jana Schroeder aus Münster warnt vor Langzeitschäden bei Kindern

„Ich würde mir da einfach ein Ehrlichmachen in der Debatte wünschen“, so die Wissenschaftlerin aus Münster weiter. Natürlich würden Kinder bei einer Covid-Erkrankung seltener schwere Verläufe entwickeln. „Aber es ist ja nicht so, als würde das Infektionsgeschehen komplett an ihnen vorbeigehen“, gab die Medizinerin zu bedenken. Es könnten sowohl akute als auch ernsthafte Langzeitschäden bei Kindern auftreten.

Vor allem das PIMS-Syndrom sei dabei ernstzunehmen – ein postvirales Entzündungssyndrom, eine Erkrankung, die nach einer durchlaufenen Covid-Erkrankung bei Kindern auftreten kann. Es ist eine Entzündungsreaktion des Immunsystems, die sich wie ein Lauffeuer im gesamten Körper ausbreitet und alle Organe befallen kann. „Die Kinder kriegen hohes Fieber, die sind teilweise intensivpflichtig“, erklärt die Virologin. Sie würden die Erkrankung häufig überleben, manche Kinder blieben auch symptomfrei und bisher gebe es „nur“ 281 gemeldete Fälle in Deutschland. „Aber dann muss man sich überlegen: Was ist denn, wenn wir die Infektion hier durchlaufen lassen“, fragte Dr. Jana Schroeder mit Nachdruck, woraufhin Moderator Markus Lanz, selbst Vater schulpflichtiger Kinder, im Hinblick auf die aktuelle Lage in Deutschland sogleich antwortete: „Das ist doch das, was passiert.“

„Markus Lanz“ (ZDF): Öffnungen und Lockerungen – eine Gefahr für die ungeimpften Kinder?

Auch angesichts der bevorstehenden Lockerungen und Öffnungsschritte, die zum Teil bereits jetzt in Modellregionen umgesetzt werden, stellte Jana Schroeder die Frage, was denn nun mit den Kindern geschehen solle. Noch gibt es in Deutschland keine Corona-Impfungen für sie. Offenbar würden Kinder also nicht als Teil der Gesellschaft mitgedacht, wenn es um die Corona-Politik gehe, schloss die Medizinerin daraus. Denn durch die Aufhebung einschränkender Maßnahmen würden Kinder der Infektionsgefahr noch stärker ausgesetzt werden als bereits aktuell.

Denn während andere Länder auf das „einmaleins“ der Pandemiebekämpfung setzen würden – Inzidenz-Senkung, Impfung, Lockerung –, verfolge Deutschland eine andere Strategie. „Das heißt, die Inzidenzen werden möglicherweise hoch sein, wenn die Kinder dran sind [mit der Impfung, Anm. der Red.]. Was passiert dann?“ Deswegen forderte die Virologin aus Münster für Kinder eine klare Strategie aus der Politik – und zudem die Solidarität älterer Menschen.

Virologin Schroeder aus Münster: Wie viele schwere Komplikationen bei Kindern sind verantwortbar?

Zwar sei die Coronavirus-Mutante für Kinder weniger gefährlich, aber dennoch seien die Folgen von „Long Covid“ und dem PIMS-Syndrom nicht zu unterschätzen, betonte Dr. Jana Schroeder zudem. „Dann ist eben die Frage: Wie viele schwere Komplikationen sind verantwortbar, wie viele möchte ich akzeptieren?“ Sollte der Fahrplan der Regierung also sein, dass Langzeitschäden bei Kindern hingenommen würden, in Abwägung der Kosten der Pandemie, wünsche sich die Virologin, dass das dann aber wenigstens ehrlich ausgesprochen werde von den Politikern. Der Moderator Markus Lanz pflichtete der Wissenschaftlerin aus Münster in diesem wie in vielen Punkten nachdrücklich bei.

Auch in ihrer Heimatstadt Münster breite sich die Corona-Mutation B.1.1.7 unter jüngeren Menschen aus, warnt Virologin Jana Schroeder aus Münster. Foto: Peter Kneffel/dpa

Laut Dr. Jana Schroeder sei die momentan geltende kritische Inzidenz-Grenze von 165 die „Homöopathie der Pandemie-Bekämpfung“ – also viel Trara ohne Wirkung. „Die Frage ist nicht, Schule auf oder Schule zu. Die Frage ist: [Ist die] Schule sicher?“ Erst vor Kurzem äußerte sich auch der Virologe Christian Drosten zu der Aussagekraft von Schnelltests in Schulen. In Münster herrscht seit einiger Zeit wieder Präsenzunterricht im Wechselmodell an den Schulen. Da die Inzidenz derzeit knapp unter 100 liegt, greift in Münster auch die Bundes-Notbremse bisher nicht.

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