Meinung

„Promis unter Palmen“ Folge 1: Homophober Totalausfall bei Sat.1

Saufen, hassen und am Strand kollabieren – der Staffel-Auftakt von „Promis unter Palmen“ hat die Grenze des Erträglich bereits überschritten, findet unsere Redakteurin. Sat.1 hätte einschreiten müssen.

Von Lea Sarah Wolfram

Die 1. Folge der 2. Staffel „Promis unter Palmen“ startete am Montagabend auf Sat.1 und – ja, wo soll man da anfangen? Die neue Staffel knüpft inhaltlich ziemlich genau da an, wo die vergangene aufgehört hat. Wo wir vergangenes Jahr noch mit menschenverachtendem Mobbing „unterhalten“ wurden, wird es dieses Jahr so „richtig asozial“, wie Kandidatin Emmy Russ wortsicher urteilte. Sich volllaufen lassende Möchtegern-Promis wie Calvin Kleinen und Hendrik Stoltenberg, die sich bereits kurz nach dem Einzug aufführen wie ein menschgewordener Malle-Urlaub, torkeln durch die Villa und zerlegen nebenbei das Mobiliar (wenn sie nicht gerade auf den Strand brechen).

Und dann gibt es da noch den Kandidaten Prinz Marcus von Anhalt, einst zu einer vierjährigen Gefängnisstrafe verurteilt – unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung und Menschenhandels. Gleich am ersten Abend sorgte von Anhalt mit seinem verbalen und homophoben Totalausfall für einen Eklat rund um „Promis unter Palmen“.

Show:Promis unter Palmen
Sender:Sat.1
Erstausstrahlung:25. März 2020
Staffeln:2
Jahr(e):seit 2020

„Promis unter Palmen“ (Sat.1): Die verbalen Entgleisungen des Pöbel-Prinzen

Dabei fing doch alles so nett schunkelig an: Nachdem erst Giulia Siegel in die Villa in Thailand eingezogen war, folgte ihr guter Freund Marcus Prinz von Adoption-Anhalt und kurz danach zogen die Schlagerstars Willi Herren und Melanie Müller und die restlichen Kandidaten der 2. Staffel „Promis unter Palmen“ 2021 ein. Doch schon beim Kennenlernen wurde schnell klar, wie unangenehm es werden würde. Denn als die Travestiekünstlerin Katy Bähm die Runde erweiterte, folgten seltsam-übergriffige Fragen vom Prinzen Marcus, der Bähm nach ihrer sexuellen Orientierung ausfragte. Am späteren Abend eskalierte der Pöbelprinz dann völlig: Mit homophoben Hasskommentaren, die er erwartbar plump als „das ist halt meine Meinung“ verkaufen wollte, erging sich der Geld-Adelige am Abendbrottisch völlig unerwartet in widerlichsten Abwertungen homosexueller Männer, die hier nicht wiederholt werden sollen. Ziel der Verbalauswürfe war die völlig perplexe Katy Bähm.

Einige der Kandidaten, allen voran Willi Herren, machten von Anhalt deutlich, dass er zu weit gegangen war. Der TV-Sender Sat.1 jedoch ließ die unverblümt gezeigten Szenen innerhalb der Show unkommentiert. Noch schlimmer: Es folgte ein Zusammenschnitt vermeintlich lustiger Sauf-Szenen, um die Stimmung beim geschockten Zuschauer danach etwas aufzulockern. Nach der halbherzigen Entschuldigung vom Prinzen bei Katy Bähm am darauffolgenden Morgen, bei der er weiterhin zu seiner „Meinung“ stand, war in der restlichen Folge der verbal-geistige Absturz des Adeligen plötzlich überhaupt kein Thema mehr.

Homophobe Beleidigungen bei „Promis unter Palmen“: Sat.1 reagiert – zu wenig und zu spät

Eine Einordnung der Szenen noch in der Show selbst sparte sich Sat.1 und lagerte diese später in die Late-Night-Show und auf Twitter aus, wo man sich dann natürlich ganz deutlich von den Aussagen von Prinz Marcus distanzierte. Ebenjene Aussagen für die Quote zu nutzen, darin sah Sat.1 aber offenbar gar kein Problem.

Das Argument für das Zeigen der Szenen ist dasselbe, das auch bereits RTL beim Mobbing im „Sommerhaus der Stars“ angebracht hatte: Man wolle eben die Realität abbilden. Ja, Mobbing und Homophobie sind leider noch immer Teil der Alltagsrealität und generell kann und sollte man in einem Format wie „Promis unter Palmen“ auch erschreckende Realität abbilden können, um sie dann diskutierbar zu machen. Aber es erfolgt keinerlei Einordnung in der Show selbst, die Diskriminierung wurde einfach so stehengelassen. Erschrocken-erboste Mienen bei den ModeratorInnen der Late-Night-Show reichen da nicht aus, ein Post auf Twitter ebenfalls nicht.

„Promis unter Palmen“: Keine Sendezeit für Homophobie

Wie auch schon beim Mobbing in Staffel 1 rund um Claudia Obert hätte Sat.1 die Möglichkeit gehabt, einzuschreiten und übergriffige Personen aus der Show zu werfen. Eine homophobe Hass-Kakophonie sollte die Konsequenz eines Rauswurfes nach sich ziehen – Aktion, Reaktion. In einem solchen Fall wäre es auch vertretbar gewesen, Hass darzustellen, weil eine Konsequenz daraus erfolgt wäre. Doch Prinz Marcus konnte nach seiner Tirade einfach so weitermachen als wäre nichts gewesen. Wäre er nicht im Verliererteam gelandet und deswegen am Ende rausgeflogen, wäre er vielleicht weiterhin mit Katy Bähm in der thailändischen Villa, bekäme für seine Äußerungen weiter Sendezeit und könnte Bähm erneut mit seiner „Meinung“ belästigen – ein fatales Signal.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass all die Jahre Trash-TV-Tradition im deutschen Fernsehen dafür gesorgt haben, dass den meisten teilnehmenden Prominenten mittlerweile wirklich alles am Ar*** vorbeigeht – und den Sendern auch. Anders sind die immer heftigeren und immer früher beginnenden Eskalationsspiralen dieser Formate nicht zu erklären. Im vergangenen Jahr dauerte es mit dem medialen Aufschrei rund um die erste Staffel „Promis unter Palmen“ immerhin bis Folge 5, beim „Sommerhaus“ vergangenes Jahr war die Erträglichkeitsgrenze bereits in Folge 1 überschritten, ähnlich wie jetzt auch bei Staffel 2 von „PuP“.

Ob diese Art von Trash-TV-Formaten mittlerweile überholt sind, bleibt also abzuwarten? Nein, bleibt es nicht – das braucht wirklich niemand. Katy Bähm zeigte übrigens angesichts der homophoben Abwertungen seitens des Prinzen charakterliche Größe, die man sich übrigens, anders als einen Adelstitel, nicht kaufen kann. (Update: Sat.1 kündigte nach dem Homophobie-Eklat bei „Promis unter Palmen“ Konsequenzen an.)

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