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Kritik am Fleischkonzern

Tönnies wirbt an ukrainischer Grenze für Arbeitskräfte: "Unmoralisch und würdelos"

Dass Clemens Tönnies fast ausschließlich günstige Arbeitskräfte einstellt, ist bekannt. Nun scheint der Schlachtbetreiber jedoch die Not der ukrainischen Menschen auszunutzen.

Von Sohrab Dabir

Clemens Tönnies möchte ukrainische Flüchtlinge für seinen Schlachtbetrieb einstellen. Foto: David Inderlied

Update: 31. März, 16.10 Uhr. Nachdem das Schlachtunternehmen Tönnies an der polnisch-ukrainischen Grenze versucht hatte, gezielt Arbeitskräfte für seinen Betrieb abzuwerben, ruderte der Konzern nun zurück. Das Unternehmen habe lediglich auf das Bemühen der Politik, ukrainische Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren, reagiert und den Menschen einen Arbeitsplatz samt Wohnraum zur Verfügung gestellt. "Sorry, vielleicht waren wir hier zu voreilig. Daher haben wir das Angebot vorerst eingestellt", gesteht der Konzern aus Rheda-Wiedenbrück nun ein. Tönnies sei es lediglich darum gegangen, den Menschen zu helfen. Zuvor war das Vorgehen des Konzerns heftig kritisiert und unter anderem als "Menschenhandel" bezeichnet worden.

Erstmeldung: 31. März, 13 Uhr. Nutzt Clemens Tönnies die Not der ukrainischen Flüchtlinge schamlos aus? Diesem Vorwurf sieht sich der gebürtige Rheda-Wiedenbrücker derzeit ausgesetzt. Wie das ARD-Magazin "Panorama" berichtet, wirbt der Fleischkonzern aus Ostwestfalen derzeit in der polnischen Stadt Przemyśl, nahe der ukrainischen Grenze, gezielt um billige Arbeitskräfte.

Dort werden derzeit von drei Tönnies-Mitarbeitern Flyer an Flüchtlinge aus der Ukraine verteilt, um vorwiegend weiblichen Flüchtlingen ein Angebot zu machen. In dem Schreiben wird den potentiellen Arbeiterinnen unter anderem ein Stundenlohn von elf Euro die Stunde, 24 Tage bezahlter Urlaub sowie eine Unterkunft angeboten.

Tönnies bestätigt Anwerben an ukrainischer Grenze

Die Anwerbeversuche ukrainischer Flüchtlinge wurde von einem Tönnies-Sprecher gegenüber "Panorama" bestätigt. Die Kosten für die zur Verfügung gestellte Unterkunft werde vom Gehalt abgezogen, heißt es in dem Flyer. Vergangenes Jahr deckte eine Sat.1-Reportage die miserablen Arbeitsbedingungen bei Tönnies auf. Dort war unter anderem von "moderner Sklaverei" bis hin zur Prostitution unter Arbeiterinnen die Rede. Für die Aktion an der ukrainischen Grenze hagelt es – einmal mehr – harsche Kritik gegen den Fleischkonzern.

Tönnies wird Menschenhandel vorgeworfen. Inge Bultschneider von der Interessengemeinschaft "WerkFAIRträge" bezeichnet das Treiben des Konzerns aus Rheda-Wiedenbrück gegenüber der ARD als geschmacklos. "Sich am Elend zu bereichern und es als gute Tat zu verkaufen, ist in der Fleischbranche nichts Neues. 2015 bei der Flüchtlingswelle haben wir Ähnliches erlebt", so Bultschneider. Der Konzern kann die Kritik hingegen nicht nachvollziehen. "Wir helfen den Kriegsflüchtlingen vor Ort und bieten ihnen eine Zukunftsperspektive. Wir bereichern uns nicht an der Not der Flüchtlinge. Das ist eine völlig irre Aussage", erklärt Unternehmens-Sprecher Fabian Reinkemeier.

Scharfe Kritik an Tönnies

Zudem verweist der Sprecher auf das bisherige Engagement von Clemens Tönnies während des Kriegs, der einen Transport mit Hilfsgütern an ukrainische Flüchtlinge in Polen gespendet habe. "Es ist gut, dass Unternehmen sich für Geflüchtete offen zeigen und ihnen Arbeit anbieten. Aber Menschen, die auf der Flucht sind, noch an der Grenze einen Arbeitsvertrag unter die Nase zu halten, hat etwas Unmoralisches und Würdeloses", findet hingegen Filiz Polat, Migrationsexpertin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Auch in den sozialen Medien hagelte es Kritik am Fleischkonzern. "Ich hätte gedacht, es ginge bei Tönnies nicht noch niedriger. Ich habe mich getäuscht", lautet ein Kommentar zum Tönnies-Fall. An anderer Stelle wird der Unternehmer aus Ostwestfalen als "Bodensatz menschlichen Daseins" bezeichnet.

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