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Studie

«Politikversagen»: Deutschland fehlen 384.000 Kita-Plätze

Berlin (dpa)

Wo sollen all die Plätze für so viele Kinder herkommen? Das fragen sich Eltern seit Jahren. Eine Bertelsmann-Studie zeigt: Vor allem im Westen Deutschlands klafft eine Lücke zwischen Angebot und Bedarf.

Von Fatima Abbas, dpa

Spielzeug liegt in einer Kindertagesstätte auf dem Boden. Foto: Monika Skolimowska/dpa

Rund 384.000 fehlende Kita-Plätze im Jahr 2023 - das ist eine Prognose, die nicht nur beteiligte Experten und Eltern umtreibt. Sie betrifft Millionen von Menschen in Deutschland - egal, ob sie selbst Kinder haben oder sind, als Erzieher arbeiten, Einrichtungen leiten oder politisch über die Betreuungsschlüssel entscheiden. Der Ländermonitor Frühkindliche Bildung, den die Bertelsmann Stiftung an diesem Donnerstag veröffentlicht hat, offenbart nicht nur eine große Kita-Versorgungslücke zwischen Ost und West, sondern auch flächendeckende Personal- und Investitionslücken. Hier ein Überblick über die Befunde.

Hunderttausende Kinder ohne Kita-Platz

Seit 2013 gibt es in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder nach dem ersten Geburtstag, für Kinder ab drei Jahren besteht er schon seit 1996. Ein Anspruch, der jedoch der Bertelsmann-Analyse zufolge nur wenig mit dem tatsächlichen Bedarf zu tun hat. Dieser werde auch im kommenden Jahr nicht erfüllt, schreiben die Autoren. In Zahlen ausgedrückt heißt das: Gemessen an der Nachfrage fehlen dann rund 384.000 Plätze - die allermeisten davon in Westdeutschland, wo laut Studie 362.400 Kinder leer ausgehen würden, im Osten sind es dagegen mit 21.200 fehlenden Plätzen deutlich weniger. «Das ist ein absolutes Versagen der Politik», sagt Studienautorin und Expertin für Frühkindliche Bildung, Kathrin Bock-Famulla, zum Gesamtbefund. Es würden ohne realistische Planung Ansprüche geschaffen, sagt sie. Das gelte auch für den Plan der Bundesregierung, für alle Kinder im Grundschulalter ab 2026 einen Anspruch auf Ganztagsbetreuung zu schaffen.

Kluft zwischen Ost und West

Die Studie zeigt Unterschiede in der Kita-Versorgung zwischen Ost- und Westdeutschland auf mehreren Ebenen, vor allem bei den Altersgruppen: Demnach fehlen für Kinder unter drei Jahren insgesamt die meisten Kita-Plätze. Im Westen sind es rund 250.300, in Ostdeutschland - inklusive Berlin - würden knapp 20.700 Kinder aus dieser Gruppe vergeblich auf einen Platz warten. Für Kinder ab drei Jahren, wo der Anspruch schon seit Jahrzehnten gilt, sind es in westdeutschen Bundesländern immer noch 112 100 Plätze zu wenig, gegenüber 500 Plätzen im Osten. Besonders ausgeprägt ist der Mangel im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Dort fehlen nächstes Jahr 101.600 Plätze.

Die Kluft zwischen Ost und West hat laut Studienautorin Bock-Famulla einen historischen Hintergrund. In der ehemaligen DDR hätten Mütter sehr früh nach der Geburt eines Kindes wieder gearbeitet. «Kinderbetreuung an sich war eine Selbstverständlichkeit», sagt die Expertin. Das sei im Westen anders gewesen. «Vor 20 Jahren war es dort nicht selbstverständlich, dass Kinder unter drei Jahren in Betreuung gehen.» So habe sich dort erst wesentlich später ein Kulturwandel durchgesetzt - der auch ein neues Bewusstsein für die Notwendigkeit frühkindlicher Bildung mit sich gebracht habe.

Qualität in den Kitas

Die Studienautoren beklagen nicht nur ein reines «Platzproblem», sondern lenken den Blick auch auf die Qualität der Betreuung. «Noch immer werden bundesweit 68 Prozent aller Kita-Kinder in Gruppen betreut, deren Personalschlüssel nicht den wissenschaftlichen Empfehlungen entsprechen», heißt es. In Ostdeutschland sei das Qualitätsproblem noch größer. Dort würden rund 90 Prozent der Kita-Kinder ohne den erforderlichen Personalschlüssel betreut. Mit einem neuen Gesetz - dem Kita-Qualitätsgesetz - will die Bundesregierung den Fokus auf genau diesen Aspekt legen. Dann soll ein Großteil der im Gesetz vorgesehenen Bundesmittel für die Länder - vier Milliarden Euro in den kommenden zwei Jahren - in die Verbesserung der Qualität fließen, unter anderem in mehr Personal und sprachliche Bildung.

Fachkräftemangel und nötige Investitionen

Der Personalmangel ist laut Studienbefunden alarmierend. Wenn es in den Kitas kindgerechte Personalschlüssel geben soll, müssten knapp 309 000 Fachkräfte zusätzlich beschäftigt werden, heißt es. Die zusätzlichen Personalkosten würden sich auf rund 13,8 Milliarden Euro jährlich belaufen. Verbände und Gewerkschaften fordern mehr Fachkräfte und Investitionen von Bund, Ländern und Kommunen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund regt beispielsweise an, die Ausbildung von Erziehern in Deutschland flächendeckend zu vergüten und mehr Quereinsteigern den Weg in die Kitas zu ebnen.

Das sagt das Bundesfamilienministerium zur Kita-Lage

Das Familienministerium von Lisa Paus (Grüne) weist auf sich verändernde Eltern-Bedürfnisse und Altersstrukturen hin, die Vorhersagen zum Kita-Platzbedarf erschwerten. Die Bertelsmann-Berechnung für 2023 sei auch deshalb «methodisch schwierig», teilt eine Sprecherin auf dpa-Anfrage mit. Gleichwohl gebe es einen großen Handlungsbedarf. Das Bundesministerium verweist hier aber auch auf die Verantwortung der Kommunen, die für die Schaffung von Kita-Plätzen hauptzuständig seien. «Der Bund hat keine Möglichkeit, ihnen Weisungen zu erteilen oder in sonstiger Weise auf ihre Entscheidungen Einfluss zu nehmen», heißt es dazu.

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