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Russische Invasion

Wieder Luftangriffe auf die Ukraine

Kiew/Moskau (dpa)

Erneut werden Menschen in weiten Teilen der Ukraine durch Explosionen aus dem Schlaf gerissen. Es gibt Tote und Verletzte - sogar im Zentrum von Kiew. Moskau setzt offenbar verstärkt auf Kampfdrohnen.

Von Hannah Wagner, Ulf Mauder und Wolfgang Jung, dpa

Russland hat am Montagmorgen Kiew erneut mit Drohnen angegriffen. Laute Explosionen erschütterten die Stadt, Gebäude wurden in Brand gesetzt, Menschen retteten sich in Schutzräume. Foto: Efrem Lukatsky/AP/dpa

Eine Woche nach den schweren Raketenangriffen gegen die Ukraine hat Russland das Nachbarland erneut mit Luftschlägen überzogen. In der Hauptstadt Kiew wurde am Abend zum vierten Mal am heutigen Montag Luftalarm ausgelöst. Um die Millionenstadt war nach Behördenangaben die Luftabwehr im Einsatz, um anfliegende Drohnen der russischen Streitkräfte abzufangen. Ein Abschuss einer solchen Drohne wurde aus dem Ort Browary am östlichen Stadtrand gemeldet.

Abends gab es Luftalarm auch über den südlichen Gebieten Mykolajiw und Odessa. In Odessa waren demnach Explosionen zu hören. Im zentralukrainischen Gebiet Dnipropetrowsk wurde nach Behördenangaben am Tag ein Objekt der Energieversorgung getroffen. «Es brach ein Brand aus, die Schäden sind groß», schrieb Gouverneur Mykola Lukaschuk auf Telegram.

Selenskyj spricht von Terrorismus

Bereits im morgendlichen Berufsverkehr waren bei Drohnenangriffen auf Kiew vier Menschen getötet worden, viele wurden verletzt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Moskau staatlichen Terrorismus vor. Seine Regierung forderte die baldige Lieferung westlicher Systeme zur Luftverteidigung und ein neues Sanktionspaket gegen Russland. International lösten die Angriffe Entsetzen aus.

Das Zischen kurz vor der Detonation klang diesmal in Kiew etwas anders als zuletzt: eher ein Surren als ein Dröhnen. In der vergangenen Woche beschoss Russland die ukrainische Hauptstadt mit Raketen - dieses Mal waren es laut Bürgermeister Vitali Klitschko Kampfdrohnen. Insgesamt fünf Einschläge erschütterten die Millionen-Metropole im Laufe des Vormittags. Eine Explosion riss ein großes Loch in ein mehrstöckiges Wohnhaus unweit vom Hauptbahnhof. Steine flogen durch die Luft, dichter Rauch stieg auf.

Insgesamt vier Menschen wurden amtlichen Angaben zufolge in dem Gebäude getötet, darunter eine schwangere Frau. Selenskyj und Klitschko riefen die Menschen auf, in der schwierigen Zeit weiter zusammenzustehen. «Der Feind kann unsere Städte angreifen, aber er wird uns nicht brechen», schrieb Selenskyj im Nachrichtenkanal Telegram.

Auch andere ukrainische Regionen meldeten heftigen Beschuss - teils ebenfalls mit Drohnen, teils mit Raketen. Landesweit gab es dem Präsidialbüro zufolge mindestens sieben Tote. Mehrere Stunden lang war im gesamten Land Luftalarm, einmal am Morgen, dann am Nachmittag wieder.

Atomkraftwerk Saporischschja erneut ohne Strom

Betroffen von den morgendlichen Einschlägen waren auch die Gebiete Odessa, Sumy und Dnipropetrowsk. Russlands Verteidigungsministerium bestätigte, es erneut auf die Energie-Infrastruktur des Nachbarlands abgesehen zu haben. In Hunderten ukrainischen Orten fiel der Strom aus. Landesweit waren die Menschen aufgerufen, besonders in den Abendstunden keine elektronischen Geräte zu benutzen, damit es nicht zu noch größeren Engpässen kommt. Das von Russland besetzte Atomkraftwerk Saporischschja wurde erneut von der externen Stromversorgung abgeschnitten.

Als Reaktion auf eine Explosion an der für Russland strategisch wichtigen Krim-Brücke zur annektierten Schwarzmeer-Halbinsel ließ Kremlchef Wladimir Putin bereits vor einer Woche die Ukraine in weiten Teilen beschießen. Nun werden in sozialen Netzwerken Fotos geteilt, die Trümmer von iranischen Kamikaze-Drohnen zeigen sollen, mit denen Moskau den Angaben aus Kiew zufolge verstärkt angreift.

Der Chef des ukrainischen Präsidentenbüros, Andrij Jermak, forderte vor diesem Hintergrund: «Wir brauchen mehr Systeme für die Luftverteidigung und so bald wie möglich.» Es sei keine Zeit, um langsam zu handeln. Im Süden des Landes setzt die Ukraine bereits das vor wenigen Tagen von Deutschland gelieferte Flugabwehrwehrsystem Iris-T ein. Außenminister Dmytro Kuleba meldete sich noch während des Alarms aus einem Luftschutzbunker - und pochte ebenfalls auf weitere Hilfe.

Russland hatte den Westen immer wieder gewarnt vor der Lieferung schwerer Waffen und sieht etwa die USA bereits als Kriegspartei. In Moskau sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, dass Russland einmal mehr auch US-Waffen vernichtet habe. Dies Raketen seien vom Meer und aus der Luft abgeschossen worden und gegen die Energie-Infrastruktur und militärische Objekte des Landes gerichtet gewesen. «Alle anvisierten Objekte wurden getroffen», behauptete er.

Die Luftwaffe des angegriffenen Landes hingegen teilte mit, alleine von den mehr als 40 Drohnen sei der Großteil zwischen den frühen Morgenstunden und dem Mittag abgefangen worden. Aus dem Präsidentenbüro hieß es, die Angriffe zeigten Russlands Verzweiflung in dem bereits seit knapp acht Monaten andauernden Krieg. Weil es auf dem Schlachtfeld keine Erfolge gebe, schlage Russland feige mit Raketen zu.

Bemerkenswerte Unerschrockenheit

Viele Ukrainer legten nach den neuen Angriffen wieder eine bemerkenswerte Unerschrockenheit und entschlossenen Willen zum Widerstand an den Tag. In Kiew strömten Menschen nur wenige Minuten nach dem Ende des Luftalarms wieder auf die Straßen, führten Hunde aus und tranken Kaffee bei Sonnenschein.

Zwar erschütterten die Bilder insbesondere von dem beschädigten Wohnhaus viele Hauptstädter. Auch Stunden nach dem Beschuss suchten Rettungskräfte nach verschütteten Bewohnern, unter den Trümmern sollen weiter Hilferufe zu hören gewesen sein. Bis zum Nachmittag wurden 19 Menschen gerettet. «Soweit ich weiß, waren 16 Familien in diesem Haus», sagte Bürgermeister Klitschko. «Es ist komplett zerstört und kann nicht wiederhergestellt werden.»

Ein Krater von den Angriffen aus der vergangenen Woche, der nur einige Hundert Meter weiter auf einer Straßenkreuzung klaffte, ist unterdessen bereits wieder zubetoniert worden. Auf einem Spielplatz tobten Kinder nun nicht nur auf Klettergerüsten, sondern auch in einem metertiefen Einschlagsloch.

Er habe schon längst keine Angst mehr vor den russischen Geschossen, sagte ein älterer Mann namens Viktor, der im Zentrum von Kiew mehrere Wohnungen vermietet. «Wir sind hier in den vergangenen Monaten zu Fatalisten geworden. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Rakete ausgerechnet dein Haus trifft, ist klein. Und wenn es doch passiert, dann ist es Zufall.»

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