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Zurück an die Saiten

Nach langer Pause wieder Gitarre spielen: so geht’s

Bei wem die früher geliebte Gitarre seit Jahren nur noch als Deko-Objekt Staub ansetzt, der muss einiges beachten, bevor er wieder loslegt – egal, wie gut er einst war.

Wenn zwischen erster und zweiter Gitarren-Karriere Jahrzehnte liegen, ist das nicht schlimm. Jeder kann an alte Erfolge anknüpfen, sofern er etwas Demut zeigt. Foto: stock.adobe.com © paulaphoto

Die Gitarre – ganz gleich ob akustisch oder elektrisch – gehört zu den mit Abstand facettenreichsten Instrumenten. Egal ob Klassik, Jazz, Rock, Blues oder irgendeine andere Spielart: kaum eine Musikrichtung, die das Instrument mit den typischerweise fünf Saiten nicht beherrscht.

Kein Wunder also, dass die Gitarre nicht nur das zweitbeliebteste Instrument in Musikschulen ist, sondern für Jugendliche und Jung-Erwachsene auch „allererste Geige“, wenn es um die Wahl eines Instruments für autodidaktisches Selbststudium geht.

Hierbei spielt nicht zuletzt das Netz eine gigantische Rolle. Egal ob es Lehrvideos sind oder Programme, welche die Griffe für jedes denkbare Lied aufzeigen: Der (Wieder-)Einstieg in die Welt der Gitarre ist heute sehr niedrigschwellig möglich.

Allerdings kommt bei vielen jungen „Guitarristas“ irgendwann ein Punkt, an dem andere Dinge bedeutsamer werden als der Griff in die Saiten. Studium, Job, Familie sind dann, verständlicherweise, wichtiger. Jedoch: Wenn all dies irgendwann in geregelten Bahnen verläuft, kehrt bei nicht wenigen die Lust auf das Instrument ihrer Jugendtage zurück.

Was dann allerdings alles zu beachten ist, ist nicht gerade wenig – und der folgende Artikel zeigt die wichtigsten Punkte auf. Übrigens lassen sich alle Informationen 1:1 auf den Bass übertragen.

Ganz verlernt man Gitarre nie. Wohl aber die zahllosen muskelmotorischen Details, die so sehr zwischen einem Anfänger und einem Routinier stehen. Foto: stock.adobe.com © Dmytro Panchenko

Den Realitäten ins Auge sehen

Oftmals beginnt der zweite Frühling einer Gitarristen-Karriere damit, immer engere Kreise um das eingelagerte Instrument zu ziehen. Vielleicht, nachdem es irgendein Schlüsselereignis gab. Beispielsweise, dass ein damals selbst gespielter Song im Radio lief.

Allerdings ist es von entscheidender Wichtigkeit, diesen Weg zurück mit einer nüchternen Geisteshaltung zu beginnen. Das Gitarrenspiel ist ein kompliziertes Zusammenspiel beider Hände, aller Finger, zudem des Gehörs und bei vielen auch den Augen.

Ganz gleich, wie gut ein Gitarrist einstmals war, schon nach wenigen spielfreien Monaten beginnt ein Prozess des Vergessens. Das Ergebnis:

  • So schnell sich das sogenannte Muskelgedächtnis im Gehirn aufbaut, so schnell vergisst es wieder. Speziell kompliziertere Griffe werden nach einigen Jahren kaum noch abrufbar sein. Nur Grundlagen bleiben bestehen.
  • Jahre des Gitarrenspiels sorgen dafür, dass Hände und Finger in sportlicher Hinsicht geschult werden. Sie sind dehnfähiger und berühren die Saiten ohne großes Nachdenken wiederholgenau an den richtigen Stellen. Auch diese Dehnbarkeit, Schnelligkeit und Präzision gehen verloren.
  • Hinzu kommt mitunter das Alter. Wer die Gitarre in seinen 20ern weglegte und vielleicht erst in den 50ern wieder anfasst, der muss zumindest der Tatsache ins Auge sehen, dass er mitunter deutlich länger als damals brauchen wird, um dieselben Resultate zu erzielen.

Auf einen einfachen Satz heruntergebrochen:

Egal, wie gut man als Gitarrist einstmals war, der
Neubeginn sollte ohne jegliche Erwartungshaltung an
noch vorhandene Fähigkeiten starten
.

Je mehr man glaubt, problemlos an alte Erfolge anknüpfen zu können, desto größer ist die Gefahr für eine Enttäuschung – und damit, dass das persönliche „Revival“ schnell wieder begraben wird.

Allerdings gilt auch ein anderer Satz: Gitarrenspiel ist in vielerlei Hinsicht mit dem Radfahren oder ähnlichen Tätigkeiten vergleichbar. Wer es einmal lernen konnte, der kann es auch nach Jahrzehnten nochmals erlernen, sofern genügend Wille vorhanden ist – und keine Gelenkerkrankungen dagegensprechen. Außerdem ist bei den meisten zumindest noch das allgemeine Grundlagenwissen vorhanden.

Wer einmal verstanden hat, wie Power-Chords oder Barré-Griffe funktionieren, der hat trotz aller Gemeinsamkeiten einen riesigen Wissensvorsprung gegenüber echten Anfängern.

Eine eingestaubte Gitarre wieder fit zu machen, ist kein Hexenwerk. Sofern nichts beschädigt ist, beschränken sich die Materialkosten zudem auf neue Saiten. Foto: stock.adobe.com © koldunova


Die alte Gitarre vorbereiten

Es wäre schon aus monetärer Sicht Unfug, für diesen Schritt Geld in die Hand zu nehmen, um eine neue Gitarre zu kaufen. Im Gegensatz zu vielen anderen Techniken verlaufen die Entwicklungsschritte in diesem Segment deutlich langsamer – was vor 20, 30, 40 Jahren eine gute Gitarre war, ist es auch heute.

Allerdings gehen Jahrzehnte auf dem Speicher oder als Wanddekoration nicht ganz spurlos an einem solchen Instrument vorbei. Vor der ersten zaghaft gezupften Note steht deshalb etwas Arbeit:

  1. Falls nicht sowieso schon getan, so sollte sich die Gitarre einige Tage in einem Raum mit normalem Wohnklima akklimatisieren können. Das ist wichtig, um die Holzfeuchtigkeit zu normalisieren.
  2. Die alten Gitarrensaiten sollten unbedingt entfernt und gegen neue Stücke ausgetauscht werden. Sie haben höchstwahrscheinlich durch die Dauerspannung nachgelängt, lassen sich schwieriger stimmen und halten eine saubere E-A-D-G-H-E Stimmung nicht lange. Bei Metallsaiten kann überdies Korrosion ein Thema sein.
  3. Am besten dann, wenn die alten Saiten weg sind, sollte die Gitarre gereinigt werden. Das bedeutet Abstauben mittels Staubwedel und ggf. einem (Rasier-)Pinsel. Bitte keinesfalls mit Wasser reinigen! Ein Microfasertuch genügt völlig. Sollte es gröbere Verschmutzungen geben, dann hilft sogenanntes Griffbrett-Öl – auch abseits des Griffbretts. Bei angelaufenen Metallteilen ist Metall-Haushaltspolitur das Mittel der Wahl.
  4. Die Mechaniken danken es, wenn sie nach der Reinigung etwas Teflonfett bekommen. Dann werden sie wieder leichtgängig.

Der letzte Schritt nach der Montage neuer Saiten und deren Stimmen besteht darin, die Krümmung des Halses zu überprüfen. Sie kann mitunter gelitten haben – insbesondere bei ungünstigen Lagerungsbedingungen.

Hierzu gibt es eine einfache Vorgehensweise:

  1. Gitarre auf einen Tisch legen
  2. (Ggf. durch einen Helfer) Die untere E-Saite am ersten und letzten Bund drücken (lassen)
  3. Am siebten Bundstäbchen ein Lineal, Maßband oder Zollstock anlegen

Der Abstand zwischen Bundstäbchen und E-Saite sollte zirka 0,5 mm betragen, jedoch keinesfalls größer als die Dicke der A-Saite sein. Ist er zu gering, muss die Halseinstellschraube angezogen werden; ist er zu groß, muss man sie etwas lösen.

Spätestens, nachdem sich der Hals einige Minuten an die neue Spannung gewöhnen konnte, können die Saiten neu gestimmt werden.

Erst einmal die Finger wieder fit machen

Mit einer derart aufgefrischten Gitarre wird es wohl buchstäblich „in den Fingern jucken“. Allerdings könnte ein zu schnelles Vorgehen in Richtung konkreter Lieder mitunter abermals Enttäuschung produzieren.

Besser ist es deshalb, sich entweder im Netz oder in Form eines papiernen Lehrbuchs eine Reihe von Fingerübungen für Fortgeschrittene zu besorgen. Hier zeigt sich der Vorteil gegenüber echten Gitarren-Neulingen: Wiedereinsteiger benötigen die absoluten Grundlageninformationen, die in Werken für Anfänger stehen, typischerweise nicht.

Wohl aber geht es nun darum, die Finger, ihre Muskeln und Sehnen wieder geschmeidig, flink und präzise zu machen, sich die Lage und Griffe der jeweiligen Noten wieder ins Gedächtnis zu rufen – und dabei vielleicht so manches vergessen geglaubtes Wissen zu reaktivieren.

Hierbei ist es unbedingt nötig, frei und ohne Stolz an die Sache heranzugehen. Wer glaubt, er sei als ehemals guter Gitarrist nach wie vor zu gut, um solche Übungen zu meistern, der wird wahrscheinlich unnötig stolpern.

Das Netz ist ein wertvoller Helfer, um zahlreiche kostenlose Lehrvideos, Noten, Übungsvorlagen und ähnliches zu finden – zugeschnitten auf Wiedereinsteiger statt echte Neulinge. Foto: stock.adobe.com © AntonioDiaz

Mit simplen Songs loslegen

Es gibt bekanntermaßen Gitarrenstücke, die wirklich einfach sind und solche, die nur echten Meistern sauber gelingen – mit Songs wie Master of Puppets von Metallica und Sultans of Swing von den Dire Straits als vielleicht breitbekannteste Beispiele für letzteres.

Doch selbst wer damals solche „Meisterstücke“ tatsächlich beherrschte, mitunter sogar welche komponierte, sollte selbst nach den genannten Übungen nicht dort den Anschluss suchen. Wie bei allem, was Zeit und Selbstdisziplin benötigt, so ist es auch hier deutlich erfolgsversprechender, eine Politik der kleinen Erfolgserlebnisse zu verfolgen.

Das bedeutet, man suche sich eine Reihe möglichst einfacher Songs aus dem bevorzugten Genre heraus. Es muss nicht „Drei Power-Chords sind genug“-Punkrock sein; auch andere Musikrichtungen kennen Stücke, die mit wenigen Griffen perfekt sitzen.

Dann werden diese Songs einstudiert. Gern unter Einsatz eines Metronoms und vielleicht einer Software wie Band-in-a-Box, die als Begleitung fungiert. Zudem können jetzt gern solche Lehrvideos beziehungsweise Kurse in den Weiten des Netzes gesucht werden, die speziell auf Wiedereinsteiger zugeschnitten sind.

Überdies hat diese Vorgehensweise, frei von etwaigen „Altlasten“ einen bislang ungenannten, aber massiven Vorteil: Alles, was man vielleicht damals falsch erlernt hat, was sich aber durchzog, wird auf diese Weise nicht wieder erneuert. Man beginnt zwar „irgendwie“ wieder bei Null, aber dennoch nicht wirklich – und wird vielleicht nach nur wenigen Tagen die ersten Stücke fehlerfrei seinen Lieben präsentieren können.

Und wo man doch schon so weit ist, könnte man ja vielleicht nun einmal schauen, was die alten Bandmitglieder heute so machen…

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