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Unter unseren Füßen: Die Welt des städtischen Untergrundes

Gelegentlich eröffnet sich mitten in der Stadt ein ungewohnter Blick in sonst verborgene Gefilde - wenn etwa in einer Grube für die Fundamentlegung eines Hochhauses zwischen Sand und Schutt Tunnelöffnungen, Rohre und vielleicht sogar Relikte alter Gebäude zum Vorschein kommen. Was liegt da eigentlich alles im Untergrund vergraben?

Aschendorff Medien

Foto: stock.adobe.com

Tief im Boden verankert: die Grundlagen moderner Städte

Je dichter eine Stadt besiedelt ist, je höher ihre Gebäude aufragen, umso wichtiger ist ihre Fundamentierung. Der Begriff leitet sich vom lateinischen "fundus" (Boden) her. Im Bauwesen bezeichnet er die Schnittstelle zwischen dem geologischen Untergrund (zum Beispiel Fels, Ton, Kalk) und den darüber liegenden Tunneln, Kanälen, Straßen, Gebäuden und anderen städtebaulichen Elementen.

Welche Arten von Fundamenten gibt es?

Ein Fundament (auch "Gründung" genannt) hat die Aufgabe, das Gewicht der darüberliegenden Bauteile möglichst gleichmäßig auf dem Untergrund zu verteilen. Nachgiebige Untergründe stellen höhere Anforderungen an Fundamente als harter Felsboden. Entsprechend richten sich Tiefendimension und Art eines Fundaments nach der Bodenbeschaffenheit. In Mitteleuropa etwa reicht die Gründung eines neu errichteten Wohnhauses im Regelfall mindestens 80 Zentimeter tief unter den (Keller-)Boden; häufig schützt eine noch darunter ausgebreitete Kiesschicht das Fundament vor Schäden durch Bodenfrost. Hunderttausende von Tonnen schwere Hochhäuser dagegen stehen oft auf einer Kombinierten Pfahl-Plattengründung (KPP), das heißt auf einer mehrere Meter dicken Platte aus Stahlbeton, aus der heraus Betonpfähle das Gewicht des Baukörpers in wesentlich tiefere, besonders tragfähige Bodenschichten ableiten.

Fundamente der Vergangenheit

Dass Gebäude einen sicheren Untergrund benötigen, ist keine Erkenntnis der Neuzeit. Archäologische Untersuchungen bringen immer wieder interessante, zum Teil kuriose Konstruktionen ans Licht. Die Pfalzkirche von Aachen oder der Kölner Dom beispielsweise ruhen auf massiven Fundamenten, die wesentlich größeren und schwereren Gebäuden sicheren Halt geboten hätten. Anderen frühmittelalterlichen Großbauten wie dem Alten Dom von Mainz dienten die Mauerreste tief im Erdboden verankerter Vorgängerbauten als Fundament.

Leitungen und Kanäle - ein stellenweise unerforschtes Netz

Foto: stock.adobe.com

Zwischen und unter den Fundamenten liegen die Leitungsnetze zur Versorgung mit den Errungenschaften des modernen Stadtlebens - mit Wasser, Gas, Wärme, Strom und so weiter. Unter einer modernisierten oder neu angelegten Straße und den angrenzenden Gehwegen finden sich in einer Tiefe von 0,5 bis 1,5 Metern standardmäßig
- Stromleitungen
- Gasleitungen
- Wasserleitungen
- Leitungen der Deutschen Bundespost
- Nachrichtenkabel für Polizei und Feuerwehr
- Abwasserleitungen für Misch-, Schmutz- und Regenwasser
- die Hauptspeiseleitung für Wasser
- Fernwärme- und Ferngasleitungen

Erstaunlicherweise gleicht die Welt der Leitungsnetze im städtischen Untergrund über weite Strecken einem unergründlichen Labyrinth: Weder regional noch auf Landes- oder Bundesebene gibt es zentrale Anlaufstellen für Informationssuchende in Sachen Untergrund.

Wer wissen will, ob, wo und welche Gas-, (Ab-)Wasser- und Stromleitungen unter seinem Haus verlegt sind, muss sich im Regelfall mit einem Plan der Rohre und Leitungen in seiner Straße zufriedengeben. Leitungen unter nicht-öffentlichen Flächen, zum Beispiel unter Privatgrundstücken, werden nicht übergreifend kartografiert. Das kann mal schon mal zu echten Ärgernissen führen - wenn beispielsweise ein Bautrupp unerwartet auf Rohre stößt, die sich nicht direkt zuordnen lassen.

Wie das unterirdische Gefüge unserer Städte den Bäumen das Leben schwer macht

Jahrzehntelang fielen Baumbestände in den Städten der Verbesserung des Straßenverkehrs zum Opfer. Heute tendieren Stadtplaner mehr zum Erhalt des bestehenden Bewuchses. Besonders unter Asphalt und Pflastersteinen drohen den überlebenden beziehungsweise neugepflanzten Bäumen jedoch zahlreiche Gefahren. So ist etwa der Boden in der Stadt deutlich nährstoffärmer als der in Parks oder Wäldern und häufig auch schadstoffbelastet, nicht zuletzt durch winterliche Streusalzaktionen. Zwischen Parkhäusern, Fundamenten, U-Bahn-Tunneln, Leitungen und Kanalisation finden die Wurzeln oft nicht genügend Platz. Zusätzlich gefährden Grabungsarbeiten für Baugruben oder Kanalbohrungen das Wurzelwerk. Fernheizungsanlagen, Starkstromkabel und nicht zuletzt eine geschlossene Asphaltdecke heizen den Boden auf. Heute sind Entsorgungsunternehmen und Baugesellschaften dazu angehalten, in Zusammenarbeit mit den Grünflächenämter dafür Sorge zu tragen, eventuelle Gefährdungen der Existenz von Bäumen zu berücksichtigen und diese möglichst zu vermeiden.

Stadtbäume stehen nicht nur zur Zierde herum

Die Klimakrise beschert uns kontinuierlich steigende Temperaturen; vor allem die Sommer werden heißer und dauern länger. Feinstaub und Lärm strapazieren die Atemwege und die Nerven. Graue Betonwüsten, dicht befahrene Ein- und Ausfallstraßen und die Industriegebiete in vielen Vorstädten verschmutzen die Umwelt auch optisch. Linden, Spitzahorn, Platanen, Kastanien & Co. steigern die Lebensqualität in unseren Städten in vielerlei Hinsicht:

- Bäume spenden Schatten und geben über ihre Blätter Wasser und Sauerstoff an die Luft ab.
- Das Laub bindet Rußpartikel und andere Schwebstoffe.
- Jeder Baum bietet Lebensraum für zahlreiche Pflanzen und Tiere.
- Baumgruppen reduzieren den Straßenlärm.
- Bäume bringen ein Stück Natur ins Grau der Städte und tun der Seele gut.

Tunnelsysteme und Untergrundstädte

Unterirdische Geheimgänge, Fluchttunnel und kilometerlange Abwassertunnel inspirierten immer schon zu Schauer- und Sensationsgeschichten, darunter Paul Jakobs "Die Katakomben von Rom", Victor Hugos "Les Misérables" oder Umberto Ecos "Das Foucaultsche Pendel". Städtische Tunnelsysteme haben jedoch kaum noch Geheimnisvolles oder Angsteinflößendes an sich (es sei denn für Menschen, die an Klaustrophobie leiden). In den meisten Fällen dienen sie der Entlastung des oberirdischen Verkehrs, als Trink- und Abwasseranlagen oder beherbergen Rohre, Stromkabel oder Telefon-, Internet- und Glasfaserleitungen.

Auch einzelne Gebäude großflächig angelegter Komplexe - zum Beispiel Krankenhäuser, Universitäten oder Bibliotheken sind häufig durch Tunnel miteinander verbunden, die es erlauben, schnell und ohne Umwege von A nach B zu gelangen. Ein mehr oder weniger ausgedehntes Tunnelnetzwerk, das mehrere öffentliche Zugänge hat und über das sich so unterschiedliche Gebäude wie Behörden, Einkaufszentren oder (U-)Bahnhöfen erlassen, heißt im Fachjargon "Untergrundstadt". Das größte und vermutlich berühmteste Fußgängertunnelsystem in Deutschland bilden die Frankfurter B-Ebenen mit ihren vielen Geschäften, Direktzugängen zu Kaufhäusern und Straßenaufgängen.

Bodendenkmäler - lang verborgene Zeugen der Vergangenheit

Aushebungsarbeiten für Baugruben, Kanal- oder Straßenbauarbeiten fördern gelegentlich Relikte aus früheren Epochen zutage, die über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende im Untergrund geruht hatten. Solche Zeugnisse menschlicher Tätigkeit(en), von Tonscherben oder Münzen bis hin zu großflächigen Siedlungsresten und Festungsanlagen, werden "untertägige Bodendenkmäler" genannt. Untertägig ist ein Bodendenkmal, wenn es bis zu seiner Entdeckung vollständig - also unsichtbar - im Boden verborgen lag.

Existieren keine schriftlichen Zeugnisse oder zumindest Überlieferungen aus der Frühzeit der Stadtgeschichte, bieten solche nicht selten zufällig ans Licht gekommenen Fundstücke oft die einzige Möglichkeit, mehr über die Ursprünge und die Entwicklung eines Ortes zu erfahren. Um irreparablen Schäden oder unwiderruflichen Zerstörungen zuvorzukommen, nehmen Stadtarchäologen und/oder Geophysiker auf größeren Baustellen routinemäßig Bodenuntersuchungen vor. Dabei wird geprüft, ob sich im Erdreich unter Asphalt, Beton und Pflastersteinen historisch Aufschlussreiches verbirgt.

Unwillkommene untertägige Funde

Foto: stock.adobe.com

Neben Bodendenkmälern finden sich im Erdreich auch fast 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs immer wieder (noch) nicht explodierte Bomben und andere Blindgänger. Grund genug für Denkmalschutz und Kampfmittelräumdienst, Hand in Hand zu arbeiten: Sorgfältige Untergrundchecks von Arealen, die - zum Beispiel nach einem Gebäudeabriss - neu bebaut werden sollen, können nicht nur Schützenswertes ans Licht bringen, sondern auch Leben retten.

Städtische Unterwelten erkunden

Dass die moderne Unterwelt unserer Städte in mancher Hinsicht klar und rational durchstrukturiert ist, kann darüber hinwegtäuschen, wie viele Geheimnisse immer noch unter unseren Füßen verborgen liegen. Der Berliner sowie der Hamburger Unterwelten e.V. widmen sich der Erforschung und Dokumentation der Geschichte des unterirdischen Städtebaus, dem Erhalt der Bodendenkmäler der Region und veranstalten Führungen durch den Untergrund. Auch andernorts werden Besichtigungstouren entlang unterirdischer Routen angeboten. Sie führen zu in der Tiefe versteckten Bunkeranlagen des Zweiten Weltkriegs, zu Zivilschutzanlagen aus der Zeit des Kalten Krieges, aber auch zu weitaus älteren, unter der Oberfläche verborgenen Monumenten.

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